Musische Bildung und Erziehung

Singen ist Atmen und Atmen ist leben!
Wir sind der Meinung: Jeder kann singen! Diese Überzeugung begleitet die Arbeit der Thüringer Sängerknaben und des Mädelchores Saalfeld seit ihrer Gründung 1950. Deshalb versteht sich die Schule auch als Institution, die sich fördernd der Tradition der Chorarbeit mit den Jugendchören der „Thüringer Sängerknaben“ und des „Mädelchores Saalfeld“ an der Ev. Johanneskirche verpflichtet weiß.

Es ist besonders im vergangenem Jahrhundert von vielen bedeutenden Musikern und Musikpädagogen immer wieder aufmerksam gemacht worden auf die zentrale Rolle, die die Musik im Erziehungswesen spielt. Da ist zuallererst Zoltàn Kodàly zu nennen, der im Jahre 1951 in Ungarn Schulen mit erweitertem Musikunterricht (täglich eine Unterrichtsstunde Musik) ins Leben rief. Kodàly entwickelte eine neue Musikpädagogik, die vor allem auf dem Gesang aufbaut und eine gut fundierte musikalische Bildung für alle Kinder ermöglicht. Worum es Kodàly eigentlich geht, drückt er in einem Gespräch mit folgenden Worten aus:

„Diese hundert Schulen sind keine Musikschulen, sondern Menschenschulen. Der Mensch ist ohne Musik nicht vollständig, sondern nur ein Fragment.“

Der Erfolg dieses Schulexperimentes blieb nicht aus. Es zeigte sich, dass Leistungen an den genannten Schulen in allen Fächern deutlich besser waren als an anderen Schulen. Das ist umso beachtlicher, als alle Fächer zugunsten des Musikunterrichtes von der Stundenzahl her reduziert werden mussten.
Kodàly hatte das Ergebnis vorausgesehen. In dem erwähnten Gespräch heißt es etwas später:

„Unsere Psychologen beginnen sich dafür zu interessieren und zu fragen, woher das denn kommt. Wir, die wir in der Praxis leben, brauchen dafür keine Erklärung. Wir wissen, dass eine tägliche Beschäftigung mit der Musik den Geist so erfrischt, dass er dann für alle anderen Gegenstände mehr Empfänglichkeit zeigt. Es scheint darüber hinaus, dass die Musik auch eine Einwirkung auf den Menschen im Allgemeinen ausübt.“

Diese allgemeinen Auswirkungen beziehen sich vor allem auf die Disziplin und das soziale Verhalten. Das bestätigen auch viele andere Pädagogen, die Erfahrungen auf diesem Gebiet gesammelt haben.
In den sechziger Jahren ist es besonders Georg Picht, der an das alte griechische Bildungsideal erinnert und in einem guten, umfassenden musikalischen Unterricht an der Schule die Voraussetzungen für eine wirkliche Menschenbildung sieht. Seine Schrift „Die deutsche Bildungskatastrophe“ (1964) erregte damals in der Kulturwelt viel Aufsehen.
1970 greift Felix Messerschmidt in „Gutachten und Studien der Bildungskommission Bd.17“ diese Gedanken wieder auf. Er schreibt:

„Auch im Bereich der Musik und der Musikerziehung ist die Bundesrepublik im internationalen Vergleich in den Rückstand geraten. Das ist um so weniger hinzunehmen, als damit nicht nur eine große deutsche Überlieferung verloren zu gehen droht, sondern als Versuche in mehreren – östlichen und westlichen – Ländern und Untersuchungen bestätigt haben, dass eine intensive musikalische Bildung die Leistungen auch in anderen Fächern erheblich zu steigern vermag, da Musik die geistigen Organe in besonderem Maße aufschließt.“

Erläuternd dazu heißt es an anderer Stelle:

„... Aufgabe der Didaktik ist es, die Bildung dem menschlichen Zusammenhang von Wissenschaft, Kunst, Sittlichkeit und Religion wieder besser, allseitiger zuzuordnen, als das heute der Fall ist. Das heißt „grundlegende Geistesbeschäftigungen“ treiben. Gemeint sind damit nicht Fundamentalwissenschaften im Schulformat, sondern die elementaren geistigen Erfahrungen, in denen die Welt sich uns auftut und welche Leib, Seele und Geist, das heißt den Menschen, prägen. Verstehen wir die Bildungsaufgabe so, dann rückt die musische Bildung wieder aus der Randzone der Schule näher zu ihrer Mitte ....“.

Auch hier wird der Musikunterricht nicht als Fachunterricht angesehen, der spezielle Inhalte vermittelt, sondern als zentraler Unterricht, der den Menschen bildet und ihm „Geisterfahrung“ ermöglicht. In der Schweiz wurde das Kodàly-Experiment in der Zeit von 1988-1991 wiederholt. Das Ergebnis dieses dreijährigen Schulversuchs wurde in „Musik macht Schule“ von Ernst Waldemar Weber, Maria Spychinger und Jean-Luc Patry im Verlag „Die blaue Eule“ festgehalten. Auch hier erzielte man positive Ergebnisse, obgleich der Versuch sich nur über drei Jahre erstreckte. Trotz aller dieser engagierten Bemühungen und der statistischen Nachweise hat die allgemeine Schulpolitik daraus noch kaum Konsequenzen gezogen. Es ist, obwohl die Ergebnisse vorliegen, auch nicht leicht, eine wirkliche Einsicht zu gewinnen in das, was durch die musikalische Tätigkeit im Menschen und seinem Verhältnis zur Welt geschieht.

Das wohl wichtigste Kriterium dabei ist, dass Musik Freude macht, vielleicht, weil wir uns, indem wir Musik betreiben, stets auf der Grenze zwischen dem Geistigen und dem Sinnlichen bewegen und mehr oder weniger bewusst etwas von unserer geistigen Urexistenz erleben. Indem wir musikalisch tätig werden, tragen wir zugleich Bewusstsein in unsere seelische und geistige Erlebniswelt, weil wir fortwährend verfolgen, wie unser Empfinden mit diesen Kräften korrespondiert.
Diese Freude wird auch erhalten bleiben, wenn sich durch Mühe und fleißiges Arbeiten die Grundlagen der Musik angeeignet werden. Freude gehört selbstverständlich dazu, es weiß aber jeder, der Musik auch in der anfänglichsten Form betreibt, dass die Freude an der Musik in dem Maße wächst, als durch Üben neue Möglichkeiten der Transparenz erschlossen werden, während das „Nur-Genießen-Wollen“ auf die Dauer immer neuen Hunger erzeugt, der nicht zu stillen ist. Aber gerade die aktive Beschäftigung mit der Musik, die inneren Auseinandersetzung mit ihr durch eigenes schöpferisches Tun steht die Versuchung passiven Musikkonsums gegenüber. Es ist doch eben ein großer Unterschied, ob ich einem oder mehreren Musikern zuhöre und durch den seelischen Kontakt, aktives Mithören und inneres Mitgehen angeregt werde, oder ob ich Musik höre, die ein inneres Mitgehen sozusagen ignoriert, weil sie auf alle Zeiten festgelegt ist, wie wir es bei Tonband, Disc oder Schallplatte vorfinden. Selbst die so genannten elektronischen Instrumente schalten mich aus dem Prozess der Ton- und Klangentstehung aus.

Wir möchten den Kindern ihre natürliche Begeisterung am Singen und Musizieren erhalten und ihnen die Fähigkeiten vermitteln, mit denen sie die Musik als Ausdrucksmittel und Darstellungsmittel ihrer eigen Welt nutzen können und sie damit für weitere Inhalte, die zur Erkenntnis von Zusammenhängen im Leben notwenig sind, aufzuschließen.

Deshalb:

Lernen die Kinder an unserer Schule sich musikalisch mit der gleichen Selbstverständlichkeit auszudrücken wie in ihrer Muttersprache.

Der schleichende Verfall des Singens in unserem Land gefährdet in ähnlicher Weise die inneren Lebensgrundlagen für die körperliche und seelische Gesundheit des Menschen und die gesellschaftliche Entwicklung, wie die Ursachen des Waldsterbens die äußeren. Viele Menschen sind verstummt, zugedeckt von Musik aus Medien oder angesichts des Perfektionismus, der für den Durchschnittsmenschen unerreichbar scheint. Singen ist die unmittelbare Sprache der Seele, der Wortsprache komplementär. Wir sind der Ansicht, dass Jeder singen lernen kann und damit sich die Ressourcen für eine gesunde körperliche und seelische Entwicklung und Regeneration schaffen kann. Singen ist unter individualpsychologischen Gesichtspunkten Gesundheitsverhalten, sowohl mit kurzfristigen als auch mit langfristigen positiven Auswirkungen. Singen ist eine Bewältigungsstrategie zum Zwecke der Regulation von Emotionen, d.h. Menschen die Singen, bewältigen ihren Alltag leichter. Belastende Situationen wie Angst, Trauer oder Stress werden besser verarbeitet. Der Mensch verfügt also über ein ureigenes, jederzeit verfügbares musiktherapeutisches Selbstheilungspotential, welches durch Singen ausgelöst wird.
Sänger verhalten sich im Verhältnis zu Nichtsängern sozial verantwortungsbewusster, hilfsbereiter und psychisch belastbarer. Schon zwanzig Minuten singen täglich erhöht die physische und psychische Leistungsfähigkeit.
Nicht zuletzt ist Singen eine Sprache, die über Ländergrenzen hinaus verständlich wird, so wie Yehudi Menuhin es ausdrückte: „Singen macht wie nichts anderes die direkte Verständigung der Herzen über alle kulturellen Grenzen hinweg möglich.“

Deshalb ist die

Grundlage der musischen Bildung an unserer Schule das Singen. Es werden also Erfahrungen im tätigen Selbsttun vermittelt. Dadurch vermag sich das Kind aus der Engnis seines Lebenskreises zu lösen und es die wirklichen Maßstäbe des menschlichen Daseins erahnen. Dazu reicht das bloße Verstehen in der Regel nicht aus. Das Kind muss die Möglichkeit des Selbst- bzw. Nachgestaltens erhalten.

Durch Bewegungslieder, Tänze und andere rhythmische Elemente können Bewegungen koordiniert und die wichtige Überkreuzbewegung erlernt werden. Nach wissenschaftlichen Erkenntnissen der Gehirnforschung stehen koordinierte Bewegung und Lernen in engem entwicklungsmäßigem Zusammenhang. So haben bei uns

- rhythmische Bewegungsformen ihren Platz im Unterrichtsgeschehen. Sie leiten hin oder zu einem Thema über und lockern die Lernathmosphäre auf. Kinder mit auffälligen Koordinierungsschwierigkeiten werden hier beobachtet und besonders gefördert.

Der Musikunterricht gestaltet sich an unserer Schule wie folgt:

In den Klassen 1 - 4 erfolgt der Unterricht entweder in Form von Kursarbeit zur Vermittlung von Elementarkenntnissen nach der Justine Ward – Methode oder in Form von fächerübergreifendem Unterricht sowie in Projektarbeit. In jeder Klasse wird täglich Musik unterrichtet.

Justine Ward (1879 – 1975) war eine bekannte amerikanische Musikpädagogin, die ihre Methode in Zusammenarbeit mit der Catholic University of Amerika in Washington, D.C. in den 20iger Jahren als eine Art Curriculum für den Musikunterricht an den katholischen Grundschulen Amerikas entwickelte. Sie hatte dabei das Ziel vor Augen, allen Kindern eine solide musikalische Bildung zu vermitteln und nicht nur eine kleine Gruppe von begabten Kindern zu fördern. Seither ist die Methode immer wieder in der Praxis überprüft und verbessert worden.

Elemente des Unterrichtes sind:
Stimmbildung, Gehörbildung, Rhythmuserfahrung, Notation, Improvisation und Singen von Melodien und Liedern je nach Unterrichtsstand.
Die Elemente wechseln innerhalb des Unterrichtes in schneller Folge miteinander ab, einmal, um keine Ermüdungserscheinungen durch zu langes „Üben“ an einer Sache entstehen zu lassen, zum anderen, um alle musikalische Teilgebiete gleichzeitig und gleichberechtigt zu entwickeln. Die Schwierigkeit des Stoffes, d.h. der Umfang des den Kindern zur Verfügung stehenden melodischen und rhythmischen Materials wird schrittweise erweitert und auf Bekanntem aufgebaut.

Ein wesentliches Ziel der Schule ist die Förderung des Nachwuchses für die Chöre an der Johanneskirche in Saalfeld. Aufgrund dessen kommt dem Musikunterricht ein besonderer Stellenwert zu. Der Musikunterricht umfasst in allen Klassenstufen vier Wochenstunden.

Ein wesentliches Merkmal der Arbeit ist die enge Kooperation zwischen dem Fachbereich Musik der Schule und dem Kantorrat an der Johanneskirche. Der schulinterne Lehrplan, der verknüpft ist mit den Anforderungen, die die kirchenmusikalische Ausbildung der Mitglieder der Chöre erfordert, stellt einen wesentlichen Baustein für die musische Erziehung der Jungen und Mädchen dar.

Der Musikunterricht wird in Form von Klassen- bzw. Kursunterricht, als fächerübergreifender Unterricht und als Projekt erteilt.

Beispiele für fächerübergreifenden bzw. projektorientierten Unterricht sind:

a) Deutsch / Kunst: z.B. Musikgeschichtsthemen, Märchenoperntexte, Liedtexte und Geschichte oder Vertonung von Gedichten mit Einbeziehung von Orff-Instrumentarium o.ä.z
b) Mathe/Naturwissenschaften: z.B. Teilung von Körpern – Übertragung auf Notenwerte
c) Sportunterricht: z.B. Tanzlieder, Bewegungslieder, rhythmische Bewegungen
d)Projektarbeit:

  • Orchesterbesuche
  • Erarbeitung von Musiktheater/Theaterstücken
  • Mitgestaltung einer Abendmotette
  • Schreiben von Melodien und Texten zu Projektthemen

In den 1.und 2. Klassen haben die Kinder 4 Wochenstunden Musikunterricht. Davon werden 2 Stunden entsprechend den Richtlinien und Lehrplänen des Landes Thüringen durchgeführt.
Die beiden anderen Stunden orientieren sich stärker an den Erfordernissen des Chorgesanges und sind deshalb stark vokal geprägt (Justine Ward – Methode: Vermittlung von Elementarkenntnissen). Sie teilen sich auf in vier Einheiten à 20 Minuten und werden auf 4 Wochentage verteilt. Hier steht das aktive und selbstständige Umgehen mit musikalischen Elementen wie Stimmbildung, Gehörbildung, Rhythmen, Notationsformen, Improvisation, Melodien im Vordergrund. Ein grundlegender Bestandteil ist die Verwendung der relativen Solmisation (Methode Töne auf Silben zu singen) als Grundlage für alle tonalen Systeme (Dur, Moll, Kirchentonarten).

In der 3.und 4.Klasse werden weiterhin vier Musikstunden gegeben.

Es ist vorgesehen, dass die Schüler spätestens ab Klasse 3 ein Instrument erlernen. Damit die Entscheidung für ein Instrument leichter fällt und die mitgebrachten Fähigkeiten getestet werden, bieten wir bereits im 1. Jahr ein Instrumentenkarussel, auf freiwilliger Basis, für die Schüler an. In diesem Schnupperunterricht testen die Kinder in jeweils 4 Unterrichtseinheiten a` 30 Minuten ein Instrument unter fachlicher Anleitung.

Im 4. Schuljahr ist eine der vier Stunden eine Probenstunde für den Schulchor (gemischter Chor).

Die musikalische Ausbildung der Schülerinnen und Schüler wird auf die lebendige Chortradition in der Stadt Saalfeld bezogen und eng mit ihr verknüpft. Die Grundschule hat sich die Aufgabe gestellt, durch das musikalische Profil, die Nachwuchsarbeit der Chöre an der Johanneskirche zu fördern. Dies geschieht durch

eine besondere musikalische Ausbildung im Grundschulbereich
eine Verknüpfung der außerunterrichtlichen Tätigkeit „Chor an der Johanneskirche“ mit dem Schulalltag
eine personelle Verzahnung zwischen Chorarbeit und schulischem Musikunterricht.

Eine Zielstellung der Vernetzung ist, die schulische und die chormusikalische Belastung der Kinder und Jugendlichen zu minimieren. Dies soll durch die Optimierung der Organisation von Schule und Chorausbildung möglich werden. Auch dem Interesse nach anderen Freizeitmöglichkeiten soll somit Rechnung getragen werden.

In der 1. und 2. Jahrgangsstufe werden die Schüler durch die tägliche Unterrichtung nach der WARD-Methode auf das Singen im Chor vorbereitet. Der Spatzenchor bietet für die neuen Sänger die erste Möglichkeit des Singens in einer Chorgemeinschaft.

Der Unterricht nach der WARD-Methode wird bis zur 4. Jahrgangsstufe fortgesetzt. Ab der Klassenstufe 3 beginnt im 2.Schulhalbjahr die Chorprobe des B-Chores mit je 1 Stunde Gesamtchorprobe (je eine Gruppe Jungen, Mädchen) des B-Chores.

Die Kinder werden nach einer Eignungsprüfung in der Klassenstufe 4 im 2. Schulhalbjahr in den A-Chor aufgenommen. Dazu gehört Sopran- und Altprobe (Thüringer Sängerknaben) bzw. die Sopran I, Sopran II und Alt – Probe (Mädelchor) sowie die Gesamtprobe der jeweiligen Chöre. Parallel dazu bekommt jedes Kind einmal in der Woche eine Stimmbildungsstunde innerhalb des Schulalltages.
Die Harmonielehre wird als Bestandteil des schulischen Musikunterrichtes erteilt.